Ziel: gesund sein – was tun?
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Ziel: gesund sein – was tun?

Fitness fördert die Gesundheit Fitness- und Gesundheitscenter bieten ein gesundheitsförderndes Umfeld. Gibt es grundlegende Fähigkeiten, die das Gesundsein garantieren? Wenn ja, welche sind es? Was können Trainer tun, um den Zustand des Gesundseins zu stabilisieren? Mit diesen Fragen setzt sich dieser Artikel auseinander.

Worin unterscheiden sich die Ziele «gesund werden», «gesund bleiben» und «gesund sein»? Gesund werden setzt voraus, dass die betroffene Person nicht gesund, d. h. krank oder verletzt ist: Rehabilitation oder Therapie ist angesagt. Gesund bleiben impliziert, dass die Person eine mögliche zukünftige Erkrankung vermeiden will: Prävention reduziert vorhandene Risikofaktoren und damit die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Gesund sein fokussiert sich auf die aktuell erlebte Gesundheit. Daraus lassen sich drei Fragen ableiten: 

  1. Was bedeutet «gesund sein»?
  2. Welche Voraussetzungen sind nötig, um dauerhaft gesund zu sein?
  3. Welche Interventionsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, um diese Voraussetzungen zu stärken?

Das biopsychosoziale Gesundheitsmodell 

Das biopsychosoziale Modell wurde 1977 vom amerikanischen Internisten und Psychiater George L. Engel (1913– 1999) vorgestellt. Demzufolge beruht Gesundheit auf körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren und deren dynamischen Wechselbeziehungen. Gesund sein ist also ein multifaktorielles Zusammenspiel des gesamten Organismus (vgl. Abb. 1). Diese komplexen Vorgänge auf verschiedenen Ebenen ganzheitlich zu erfassen und zu verstehen, ist wohl unmöglich. Wenn allerdings davon ausgegangen wird, dass sich der menschliche Organismus – wenn die Voraussetzungen gegeben sind – selbst organisiert, leistungsfähig und gesund bleibt, dann bietet das biopsychosoziale Modell Ansatzpunkte, um diese Voraussetzungen zu erkennen. 

 

Abb. 1: Biopsychosoziales Modell

 

Drei grundlegende Fähigkeiten 

Der Körper ist gesund, wenn seine Zellen ihre Funktionen wahrnehmen. Praktisch alle Zellarten – ausser den roten Blutkörperchen – verfügen über Mitochondrien. Diese sind für die aerobe Energieversorgung verantwortlich und an vielen Prozessen beteiligt, die für die Gesundheit wichtig sind, z. B. bei der Entgiftung und der Apoptose (Kucklinski, 2015). Mittels der Apoptose – programmierter «Selbstmord» einer Zelle – werden überflüssig gewordene, infizierte, transformierte oder verletzte Zellen eliminiert (Annesley & Fisher, 2019). Das Funktionieren der Mitochondrien bildet daher die grundlegende körperliche Voraussetzung fürs Gesundsein.   

Sie resultiert aus der Fähigkeit, die im Alltag benötigte Energie aerob bereitzustellen.  Die Psyche umfasst unser Denken, Fühlen und Handeln. Dysfunktionen äussern sich z. B. im Nicht-einschlafen-können, im Aus-der-Haut-fahren oder im Nicht-in-die-Gänge-kommen -können. Massgeblich beeinflusst werden diese Vorgänge durch das vegetative Nervensystem (Hasler, 2019).

Es besteht aus zwei Teilen: dem Sympathikus und dem Parasympathikus, wobei der Sympathikus aktivierend und der Parasympathikus beruhigend wirkt. 

Die Psyche kennt zwei gegensätzliche vegetative Zustände. Einer ist aktiv und wird als «Stress», der andere ist weitgehend passiv und wird als «Ruhe» bezeichnet. Beiden genügend Raum zu geben, bildet die psychische Voraussetzung fürs Gesundsein. Sie resultiert aus der Fähigkeit, im Alltag auf den jeweils benötigten vegetativen Zustand umzustellen.

Der soziale Faktor bezieht sich auf die Interaktion mit der Umwelt und anderen Menschen. Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, formulierte drei soziale Lebensaufgaben: Gemeinschaft, Arbeit und Liebe (1912). Diese wurden später von Mosak und Dreikurs ergänzt um den «Umgang mit sich selbst» und die «Sinnfrage» (1972). Grundsätzlich will der Mensch zu einer Gemeinschaft gehören, gut und beliebt sein. Soziales Gesundsein setzt voraus, sich persönlich mit einzubringen und mit den jeweiligen Reaktionen konstruktiv umzugehen. Es resultiert aus der Fähigkeit, in den unterschiedlichsten Situationen auf ein stabiles Selbstwertkonzept zurückzugreifen (Stavemann, 2011).

Abb. 2: Dosis-Wirkungs-Beziehung (Quelle: hepa.ch, Magglingen 2023)

Sechs Interventionsfelder für Trainer 

Die folgenden Interventionsfelder wirken sich selbstverständlich auf alle Faktoren des Gesundseins aus. Zur besseren Verständlichkeit werden sie paarweise dem Körper, der Psyche oder dem Sozialen zugeordnet.

Körper: Bewegung und Ernährung 

Der körperliche Zustand wird primär durch Bewegung und Ernährung beeinflusst. Beides sind Kernkompetenzen eines Fitnesstrainers. Deshalb wird im Rahmen dieses Artikels nur kurz darauf eingegangen. Dass Training der Gesundheit nützt, ist wissenschaftlich gut belegt. Dabei stellt sich jeweils die Frage, ob sich der Bewegungsreiz anabol (aufbauend) oder katabol (abbauend) auf die trainierende Person auswirkt. Paradoxerweise ist eine Zunahme der Leistungsfähigkeit kein Indiz für stabilere Gesundheit (vgl. Abb 2). Der Hauptgrund dafür sind die begrenzten Energieressourcen: Wenn der Körper wiederholt intensive Leistungen erbringt, bleibt für Erholungsprozesse und das Immunsystem wenig übrig. Der Mensch fühlt sich eher müde als gesund (Hasler, 2019).

Allerdings nützt Training nur, wenn es auch stattfindet. Dies wiederum ist eine Frage der Motivation oder Gewohnheit. Dabei spielen vor allem psychische und soziale Faktoren eine Rolle. 

Bei der Ernährung zum Gesundsein liegt der Fokus in erster Linie auf der Versorgung mit Mikronährstoffen und Wasser. Bekanntermassen gilt der Grundsatz: Nicht was auf dem Teller liegt, ist entscheidend, sondern das, was in den Zellen ankommt. 

Abb. 3: Erweitertes biopsychosoziales Modell

 

Psyche: Erholung und Stressmanagement 

Das vegetative Umstellen auf Parasympathikus oder Sympathikus funktioniert meist reflexartig. Es kann bei jedem Training geübt werden: Beim Warm-up wird der Sympathikus aktiviert. Mit dem Cool-down wird auf Parasympathikus umgestellt und die Erholung eingeleitet. Wenn die beiden Elemente ritualisiert stattfinden, dann reichen mit der Zeit Ausschnitte aus diesen Ritualen, um im Alltag in den gewünschten vegetativen Zustand zu wechseln. Dies erleichtert beispielsweise einerseits das Einschlafen am Abend und andererseits das Aufstehen am Morgen. Müdigkeit oder Stress erschweren oder verhindern sogar das Denken, Fühlen und Handeln. Wenn dies der Fall sein sollte, sind Interventionen bei der Erholung oder beim Stressmanagement sinnvoll. 

Sozial: Beziehungsqualität und Sinnfrage 

Trainieren im Fitnesscenter stabilisiert das Selbstwertkonzept der Mitglieder über verschiedene Kanäle (Stavemann, 2011): Es ermöglicht Erfolgserlebnisse und stärkt die Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Feedback durch Trainerinnen und Trainer erleichtert die Selbstreflexion und -orientierung. Zudem bietet das Fitnesscenter ein soziales Umfeld mit aktiven Menschen aller Art: Jüngere und Ältere, verschiedene Geschlechter und mehr oder weniger begüterte Mitglieder treffen im «einfachen» Trainingsoutfit aufeinander. Gegenseitiger Respekt, Rücksichtnahme und Unterstützung sind meistens gegeben. Trainer haben die Chance, Menschen miteinander bekannt zu machen, sodass sich diese rasch zugehörig fühlen. Zudem stimmen sie die Trainingsprogramme auf die Bedürfnisse und Ziele der Trainierenden ab. Im Idealfall sind sie ein Vorbild für Beziehungsgestaltung und Sinnhaftigkeit.

Fazit

Bei vereinfachter Betrachtung ermöglichen es unter anderem drei grundlegende Fähigkeiten dem Organismus, gesund zu sein: die aerobe Energieproduktion in den Mitochondrien der Zellen, die vegetative Umstellungsfähigkeit im Alltag und ein stabiles Selbstwertkonzept im sozialen Umfeld (vgl. Abb.3). Dem Trainer stehen sechs Interventionsfelder zur Verfügung, um diese Fähigkeiten zu fördern: Bewegung, Ernährung und Erholung werden meistens berücksichtigt; Stressmanagement, Beziehungspflege und die Sinnfrage bieten Chancen für die Zukunft. Insbesondere das soziale Umfeld im Fitnesscenter stellt eine einmalige Gesundheitsressource dar, die vermehrt in den Fokus gestellt werden darf.

Robert Winzenried 

Robert Winzenried, Erwachsenenbilder mit Diplom HF, ist andragogischer Leiter der Swiss Academy of Fitness & Sports AG (SAFS). Er verfügt über 40 Jahre Erfahrung als Trainer für körperliche und mentale Fitness. www.mentalfit.ch / www.safs.com 

Literaturliste 

Annesley, S. J. & Fisher, P. R. (2019). Mitochondria in Health and Disease. Cells, 8(7), 680. https://doi.org/10.3390/cells8070680

Hasler, G. (2019). Die Darm-Hirn-Connection. Revolutionäres Wissen für unsere psychische und körperliche Gesundheit (Wissen et Leben, 8. Nachdruck). Stuttgart: Schattauer. Kuklinski, B. (2015). Mitochondrien. Symptome, Diagnose und Therapie. Bielefeld: Aurum. 

Stavemann, H. H. (2020). … und ständig tickt die Selbstwertbombe. Selbstwertprobleme erkennen und lösen. Weinheim: Beltz. 

Wehrwein, E. A., Orer, H. S. & Barman, S. M. (2016). Overview of the Anatomy, Physiology, and Pharmacology of the Autonomic Nervous System. Comprehensive Physiology, 6(3), 1239–1278. https://doi.org/10.1002/cphy.c150037

Publikationsdatum 21.12.2023

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